📋 FallberichteFünf Jahre Odyssee. Und dann die Frage: Warum erst so spät?
Anfang Oktober hatte ich eine Kundin am Telefon, die mit ihrem Rüden und ihrem Mann gerade am Meer war. Letzter Urlaubstag, am nächsten Morgen ging es heim.
Wir haben übers Gras geredet, über den Kot nach dem Strandspaziergang, über die Pfoten. Ganz normale Begleitungsthemen. Und mittendrin stand er wieder im Raum, der Gedanke, den ich von so vielen kenne: Warum erst so spät?
Ich will dir heute erzählen, was ich darauf antworte.
Was schon gelaufen war
Als die beiden zu mir kamen, hatten sie fünf, sechs Jahre hinter sich. In den Unterlagen, die mir seine Halterin gegeben hat, steht Anfang 2020 eine Giardien-Diagnose. Dann Blutbilder aus 2020, 2022 und 2024. Eine Darmkur 2022. Und daneben eine lange Reihe an Wegen, die sie schon gegangen waren: Vitalpilze, Bachblüten, Schüßler-Salze, Bioresonanz, Öle, Futterberatung, Tierkommunikation, chinesische Medizin.
Da hat niemand geschlampt. Die haben gemacht, was man machen kann. Jeder, bei dem sie waren, hat sich sein Stück angeschaut. Nur zusammengeführt hatte das bis dahin keiner. So steht es in meinen Notizen.
Wie er zu mir kam
Ganz unspektakulär. Ende 2025 hat sie nach einem Austausch mit mir das Futter umgestellt. Nach zwei Wochen grummelte der Bauch. Dann kam eine Nachricht, dann noch eine.
Kurz vor Weihnachten hatten wir einen Notfall-Termin. Geplant waren eigentlich 15 Minuten Telefon. Nach ewig vielen WhatsApps hab ich dann rausgefunden, wie viele Mittel er gleichzeitig bekommt. Alter. Da war mir klar, warum sich nix tut.
Also haben wir als Erstes weggelassen. Nicht noch was dazu, sondern runter. Ein paar Mittel flogen raus, die Getreideleckerli auch, und hinter zwei andere Sachen hab ich ein dickes Fragezeichen gemacht.
Eine Linie
Im Mai startete dann die feste Begleitung. Tagebuch jede Woche, Telefonate nach Plan, und eine klare Ansage von mir: Wir arbeiten auf einer Linie. Keine parallelen Einschätzungen, keine eigenen Anpassungen zwischendurch.
Das klingt streng. Ist es auch. Aber wenn du jahrelang zehn verschiedene Meinungen gehört hast, ist genau das oft das, was gefehlt hat.
Leicht war das nicht immer. Seine Halterin hatte zwischendurch selbst richtig viel um die Ohren, Familie, Organisation, alles auf einmal. Und es gab einen Gedanken, der bei ihr immer wiederkam: Nach drei Monaten kippt es bei uns eh. Den hab ich ihr im Sommer ziemlich klar ausgeredet.
Denn im Juni waren die beiden schon mal im Urlaub. Fahrt, Fähre, neue Umgebung, deutlich mehr Reize. Und er ist nicht eskaliert. Das war ihre bis dahin ruhigste Urlaubszeit.
Rückschläge gehören dazu
Ich erzähl dir hier keine Geschichte, in der alles glatt lief. Im Juli war bei ihr ein heftiger Stressgipfel. Im August kam beim Rüden eine neue Baustelle dazu, die wir ganz nüchtern protokolliert haben, statt sofort eine Erklärung draufzukleben.
Und was ich in sieben Jahren Praxis immer wieder sehe, hab ich auch hier gesehen: Wenn es rund läuft und langweilig wird, weil wir jeden Tag dasselbe machen, fangen Menschen an zu experimentieren. Lassen was weg, packen was dazu. Das ist menschlich. Und genau dafür bin ich da, dass einer draufschaut.
Im August haben die beiden entschieden, weiterzumachen, nochmal vier Monate. Im Gespräch davor hat sie mir sinngemäß gesagt: Seit sechs Jahren doktern wir da dran rum, und so eine ruhige Zeit hatten wir noch nie. Die einzelnen Bausteine, die Pilze zum Beispiel, waren gar nicht neu für sie. Nur das Gesamtkonzept hatte nie gestimmt.
Der Urlaub im Oktober
Ende September ging es wieder ans Meer. Die neue Phase der Begleitung lief da rund acht Wochen.
Und dann dieses Telefonat. Sie erzählte mir von den Strandwanderungen. Vor vier Jahren, beim ersten Mal am Strand, wollte und konnte er kaum laufen. Er ist eingeknickt, hat sich hingelegt, und als sie die Pfoten umgedreht hat, waren die hochrot. In den Urlauben danach auch. Diesmal nicht.
Das Grasfressen war noch Thema. Aber lange nicht mehr wie früher, wo er gegrast hat wie eine Kuh. Trotzdem ging bei ihr sofort der Alarm an. Was hat er denn jetzt schon wieder?
Da hab ich ihr gesagt: Ihr habt fünf oder sechs Jahre Odyssee hinter euch. Das steckt einfach drin, bis es rauskommt.
Auf meine Frage, ob sich das für die beiden nach einer schönen Zeit zusammen anfühlt, nicht so wie früher, kam ein klares Ja. Nach dem Juni war das der zweite ruhige Urlaub in diesem Jahr.
Am Ende hab ich ihr gesagt, dass ich sie weiter lese, im Tagebuch, und ein bissi stalke. Ihre Antwort: „Wenigstens einer, der nach mir guckt.“
Woran genau es lag, kann ich dir nicht auf ein einzelnes Mittel runterbrechen. Es ist der Verlauf. Und fertig sind wir auch nicht, die Begleitung läuft weiter.
Warum so spät?
Jetzt zu der Frage. Meine ehrliche Antwort: Weil das fast immer so läuft.
Du gehst mit deinem Hund zuerst zum Tierarzt. Richtig so. Dann vielleicht zum nächsten, zum Spezialisten. Du probierst das Futter, das empfohlen wird. Dann das nächste. Und irgendwann kommt der Moment, wo du merkst: Ich dreh mich im Kreis. Erst dann suchst du nach anderen Wegen.
Und genau deshalb landen viele erst spät bei mir. Weil ich normalerweise nicht Station eins bin. Und die Jahre davor waren auch nicht für die Tonne. Die alten Befunde von diesem Rüden hab ich mir alle angeschaut, bevor ich irgendwas entschieden hab.
Was ich mir für dich wünsche: Dass du dich nicht ewig mit dem Warum so spät aufhältst. Sondern mit dem, was jetzt geht.
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Deine Kerstin
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